Interview mit Chrigel Glanzmann (Vocals, Tin & Low Whistles, Irish Bagpipes, Mandola, Acoustic Guitars, Bodhrán) von ELUVEITIE
by Boris W.
Hails
Chrigel, herzlichen Dank für’s Interview und Kompliment zur gelungenen
Mini-CD „Ven“!
Taste
Of Black: Fangen wir
einmal mit „Ven“ an: Was hat es mit dem Titel auf sich und steckt ein
Konzept dahinter?
Chrigel:
Ein eigentliches Konzept gibt es in diesem Sinne nicht – abgesehen davon, dass
eben keltische Themen an sich Konzept sind. Auf „Vên“ findet sich einfach
eine Auswahl von den damals vorhandenen Eluveitie-Songs.
Das gallische Wort „Vên“ bedeutet schlicht „Freude“. Das ist, was wir
mit unserer Musik ausdrücken. Unsere Freude an der Musik als solches. Freude an
der Natur. Und gerade auch die wilde, feurige Freude, die der keltischen
Mythologie entspringt. Die Mystik des Keltentums ist für mich nicht unbedingt
etwas Dunkles, sondern etwas, was Herz und Seele Flügel verleiht.
Taste
Of Black: Kannst du
einige der Titel – vor allem die in gälischer Sprache – etwas näher erläutern?
Chrigel:
Also, zuerst mal möchte ich korrigieren, wenn Du erlaubst: Wir singen nicht in
Gälisch (modernes Irisch, Schottisch, Walisisch etc.), sondern in einem
rekonstruierten Gallisch. Gallisch ist im Gegensatz zum Gälischen eine
historische und heute nicht mehr lebendige Sprache. Sie wurde eben von den alten
Kelten auf dem Festland gesprochen.
„D’Vêritû Agâge D’Bitu“ ist ein ritueller keltischer Text, mit
welchem druidische Gorsedds eröffnet wurden. Wir übernahmen den Text 1:1 so,
wie er über die Jahrhunderte überliefert wurde.
„Uis Elveti“ ist schlicht ein Liebes- und Lobeslied an die Schönheit und
Pracht der Natur. Gerade auch an die Natur, wie wir sie hier in Helvetien haben
– mit ihren schneebedeckten Bergen und tiefen grünen Wäldern.
Taste
Of Black: Ihr seid
(zumindest auf der Platte) 10 Musiker. Wie schwierig ist es, die Ansprüche,
Ideen und Vorstellungen aller Bandmitglieder unter einen Hut zu bringen, oder
gibt es bei euch einen Hauptsongwriter, der sozusagen die treibende Kraft ist?
Chrigel:
Du sprichst unser Line-Up an! Wir hatten hier in den letzten Monaten einige
Wechsel – an Schlagzeug, Gitarre, Drehleier und Mikrophon. Wir spielen zukünftig
auch nur noch zu neunt – jedoch nicht, weil wir weniger Instrumente verwenden,
sondern weil ich zusätzlich den Gesang übernommen habe. Die klangliche
Vielfalt von Eluveitie wird deswegen also nicht geschmälert.
Ja, unsere Songs werden meist nur von Ivo und mir geschrieben. Wenn dann jedoch
einmal ein „fertiger“ Song steht, wird dieser von allen zusammen
ausgearbeitet und arrangiert. Jeder Musiker bringt für seine eigenen
Instrumente Ideen und Lines mit.
Taste
Of Black: Der Name
„Eluveitie“ bedeutet ja: „Ich, der Helvetier.“ Wie seid ihr auf den
Namen gekommen, und was bedeutet er euch persönlich?
Chrigel:
Die Helvetier – dieser mächtige Keltenstamm der Gallier – faszinieren uns.
Was der Bandname für „uns“ persönlich bedeutet? Nun, hierzu müsstest Du
wohl jede/n von uns persönlich fragen. Ich schätze, Du würdest 9 verschiedene
Antworten erhalten, hahaha.
Der Name steht letztendlich für das lyrische und musikalische Konzept der Band.
Taste
Of Black: Das
zentrale Thema eurer Musik ist des Keltentum bzw. die Helvetier. Führt ihr auch
ein keltisches Leben, soweit dies heutzutage noch möglich ist, oder beschränkt
ihr diesen Aspekt auf die Musik?
Chrigel:
Auch hier gilt wohl dasselbe wie oben: Wir sind neun Individuen. Jeder führt
sein Leben auf eine eigene Weise. Mir persönlich und meiner Frau bedeutet das
„keltische Leben“ viel – mit seiner Achtung der Natur, dem Leben nach dem
Jahresrhythmus. Jedoch ist es schwierig, überhaupt zu sagen, was „keltisches
Leben“ ist. So zu leben, wie die Helvetier vor 2000 Jahren es taten, das ist
heute kaum mehr möglich. Und wie sie heutzutage leben würden, wenn sie bis
heute ein Keltenstamm geblieben wären, das lässt sich wohl niemals sagen.
Was wir aber als Band alle gemeinsam haben, ist die Liebe und Verbundenheit zur
Natur, zur Erde. Ebenso sind wir alle ziemlich grün, haha. Da hat es mich natürlich
auch gefreut, auf Taste Of Black einen Link zu Greenpeace zu entdecken! J
Taste
Of Black: Ihr stammt
ja aus verschiedenen Ecken der Welt. Wie habt ihr euch als Band
zusammengefunden?
Chrigel:
„Aus der Welt“ würde ich nun nicht grad behaupten. Ein paar von sind
verschiedener Herkunft (Finnland und Armenien beispielsweise), doch wir alle
sind in der Schweiz aufgewachsen und leben hier als Schweizer. Aber
„verschiedenen Ecken der Schweiz“ könnte man durchaus behaupten: Wir wohnen
verstreut zwischen Bern, Zürich, Winterthur und Fribourg. Zusammengefügt hat
uns schlicht ein gemeinsames Interesse, würde ich mal sagen.
Taste
Of Black: Wie
arrangiert ihr eigentlich eure Songs? Bei 10 Musiken dürfte es relativ
schwierig sein, dass jeder seinen Part und seinen Einsatz findet.
Chrigel:
Arrangiert werden unsere Songs eigentlich von allen. Und nein – eigentlich ist
es nicht sonderlich schwierig, dass alle zu ihrem Einsatz kommen! J Ich
kann Dir nicht erklären, warum. Aber es funktioniert irgendwie einfach gut.
Taste
Of Black: Ihr seht
euch als politisch und religiös neutrale Band. Was beim ersten Punkt verständlich
ist, passt aber beim zweiten nicht ganz. Weshalb enthält eure Musik keine
heidnischen Elemente, was doch zum ganzen Konzept hervorragend passen würde?
Chrigel:
Nun, es kommt darauf an, was man als „heidnisch“ empfindet. Heutzutage wird
„Keltentum“ beispielsweise oft einfach mit einer Religion gleichgesetzt. Was
meiner Meinung nach absoluter Schwachsinn ist. Die Kelten waren ein Volk (bzw.
mehrere Völker) - eine ganze Kultur, die die Welt nachhaltig geprägt hat. Und
nicht bloss irgendeine religiöse Gemeinschaft. Zum Keltentum gehört meiner
Meinung nach mehr, als Samhain zu feiern und ein Kernunnos-Amulett um den Hals
zu tragen. So betrachtet stimmt es, dass wir nicht eine sehr religiöse Band
sind. Allerdings finde ich nicht, dass sich keine heidnischen Elemente in unserm
Konzept finden. Im Gegenteil eigentlich: Gerade beispielsweise der Opener
unseres Debüts ist die authentische Wiedergabe eines rituellen druidischen
Textes. Und solche Texte werden wir auch in Zukunft haben. Elegisch das Altertum
romantisierende oder seicht „heidnisches Kriegertum“ (hüstel)
glorifizierende Lieder werden wir jedoch wohl kaum schreiben – davon halten
wir nicht allzu viel.
Aber zu Deiner Frage: Dass wir uns auf unserer Website klar von politischen und
religiösen Stossrichtungen abgrenzen, hat eigentlich einen bestimmten Grund:
Wenn Du Pagan Metal spielst, erregst Du schnell mal die Gemüter verschiedener
„Lager“. Und so gab/gibt es Horden von rechtsradikalen „Heiden“, denen
wir viel zu links sind und die sich bemüssigt fühlten, uns dies auch
wortgewaltig kund zu tun. Auf der anderen Seite sind dann wiederum irgendwelche
antifaschistisch orientierten Neoheiden, die fürchten, wir können vielleicht
allzu nationalistisch sein – und auch das ward uns kundgetan. Dazu kam noch
die Tatsache, dass wir einmal an einem mehrheitlich christlich orientierten
Metal-Festival spielten. Wir taten dies, weil wir eingeladen wurden und wir an
sich kein Problem mit Christen oder christlichem Metal haben, solange wir da
selbst auch toleriert werden. Wir hätten kein Problem, mit Bands wie Ragnarök
oder Enthroned zu spielen (obwohl ja Satanismus auch überhaupt nicht
„heidnisch“ ist), wieso sollten wir dann nicht auch an einem Festival
spielen, auf welchem Bands wie Veni Domine auftreten? Das war unsere Überlegung.
Nach diesem Festival gab es dann zusätzlich noch jede Menge Neoheiden beider
Lager, die es absolut verwerflich fanden, als Pagan Metal-Band an so einem
Festival zu spielen. Und ebenso viele Christen kamen nach dem Gig auf die Idee,
dass wir eine fromme Band seien.
Du kannst uns bestimmt nachfühlen: Dieses ganze Theater wurde uns schnell
einmal zu dumm. Das ist der Grund, weshalb wir auf unserer Website vermerken,
dass wir weder politisch noch religiös ausgerichtet sind.
Taste
Of Black: Gibt es in
der Schweiz eine Plattform für Pagan Metal? All zu viele Bands aus diesem Genre
sind mir bisher nicht bekannt
Chrigel:
Eine eigentliche „Pagan Metal“-Szene ist mir in dem Sinne nicht bekannt –
bestenfalls ein verhältnismässig kleiner Haufen Pagan Metal-Geniessern. Ich
schätze, diese tummeln sich auf „Plattformen“ wie eben z.B. Taste Of Black
herum.
Pagan Metal-Bands aus der Schweiz sind mir auch nicht allzu viele bekannt.
Tarihan gibt es noch. Und natürlich Vintersphrost – das Projekt von Sevan,
unserem Flötisten und Rafi (Bass).
Taste
Of Black: Eure Musik
hört sich durch die vielen beschwingten, tanzbaren und hymnischen Momente (vor
allem in den beiden Instrumentalen auf „Ven“) enorm natürlich im Sinne von
naturverbunden an. Welche Beziehung habt ihr zur Natur, und inwieweit
beeinflusst sie euch beim Songwriting?
Chrigel:
Wie schon gesagt, bedeutet uns allen die Natur sehr viel. Manche unserer Texte
drehen sich um die Natur, um die Wälder, um die Berge etc.
Aber auch musikalisch gesehen empfinde ich beispielsweise einen alten Wald oder
der Anblick der Alpen enorm inspirierend. In der Natur zu sein, als Teil
derselben, beschwingt und erhebt das Herzen auf eine wundersame Weise – und
diesem Gefühl kann man durch Musik hervorragend Ausdruck verleihen.
Taste
Of Black: Wie seid
ihr auf die Thematik des Keltentums und der Helvetier gestossen, Zufall oder Fügung?
Chrigel: Zufall, Fügung?
Wer vermag das zu sagen. Vielleicht ist auch beides einerlei? Jedenfalls ist
diese Thematik eine langjährige Leidenschaft von uns.
Taste
Of Black: Wenn du
Eluveitie mit einigen Adjektiven beschreiben müsstet, welches wären diese
Adjektive?
Chrigel:
Hmmm, schwierig. Vermutlich „Vên“ – Freude. Okay, das ist kein Adjektiv.
Dann eben „fröhlich“. Aber ebenso auch „mystisch", „stark" und auch „wild“ und ab und zu mal
„grimmig“.
Aber Adjektive zu verteilen, das ist doch eigentlich die Aufgabe der Redakteure
von Metalzines, nicht? J
Taste
Of Black: Wer sind
eure grössten Einflüsse in musikalischer Hinsicht?
Chrigel:
Noch schwerer zu sagen. Ich denke, jede/r Einzelne von uns hat eigene
musikalische „Vorbilder“ und Einflüsse. Letztendlich glaube ich, dass die
Musik, die man persönlich liebt und oft hört, einen grossen Einfluss auf die
Musik, welche man selber spielt, hat. In unserem Falle wäre das traditionelle
Volksmusik aus der Bretagne und Irland (und auch anderswo), aber ebenso Death
Metal und Black Metal. Aber auch zahlreiche andere Musikrichtungen. Bands?
Vielleicht die legendäre Irish Folk-Combo aus den 70-ern „The Bothy Band“.
Oder alte Death Metal-Meilensteine von Bands wie Entombed, At The Gates oder
Dark Tranquillity. Und natürlich auch einige Schwarzwurzeln aus dem hohen
Norden. J
Taste
Of Black: Wie setzt
sich eigentlich euer Publikum bei euren Konzerten zusammen: Überwiegend
Metal-Fans oder eher Leute aus dem Folk-Lager?
Chrigel:
Hauptsächlich bis ausschliesslich Metalheads eigentlich. Die Kreuzung von Metal
und Folk hat sich innerhalb der Metalszene inzwischen ja recht etabliert.
Taste
Of Black: Was denkst
du über Folk-Bands, die eine nationalsozialistische Gesinnung haben?
Chrigel:
Nun, theoretisch jeder hat das Recht auf eine eigene Gesinnung und freie
Meinungsäusserung. Sollen sie es machen, wenn sie Freude dran haben. Wir halten
von solchen Bands jedoch überhaupt nichts. Sich seiner Herkunft zu erfreuen
oder das Land zu lieben, in dem man lebt, das ist eines. Aber faschistisches
Denken ist etwas völlig anderes. Was mich persönlich wütend macht, ist, wenn
nationalsozialistische Bands heidnische (oft nordische) Themen missbrauchen, um
ihre faschistischen Ideologien zu „vermarkten“. Sowas ist völlig absurd und
es ist eine Respektlosigkeit den alten Kulturen gegenüber, welchen sie sich mit
so geschwollener Brust rühmen.
Taste
Of Black: Könnt ihr
mir etwas über das nächste Werk von Eluveitie verraten?
Chrigel:
Wir arbeiten derzeit das Material für die nächste CD aus, welche wir im frühen
Sommer aufzunehmen gedenken. Lyrisch wie musikalisch setzten wir dort an, wo „Vên“
aufgehört hat. Jedoch sind unsere neuen Songs ausgefeilter, reifer und wohl
auch hymnischer. Und durch unser neues Line-Up werden auch noch ein paar weitere
Instrumente dazukommen. J
Taste
Of Black: Gibt es
Bands aus eurer Region, die du mir empfehlen kannst?
Chrigel:
Definitiv ja! Falls Du Forest Of Fog, das Projekt unseres Gitarristen Ivo noch
nicht kennst, solltest Du unbedingt mal in die drei bisher veröffentlichten CDs
reinhören! Melodischer und melancholischer Black Metal vom feinsten! Ich bin
ein grosser Forest Of Fog-Fan. Ohne zu übertreiben oder aus
Freundschaftssympathie heraus zu sprechen: Für mich ist das eine der geilsten
Black Metal-Bands überhaupt!
Taste
Of Black: Und die
abschliessende Frage: Welche ist eure aktuelle Lieblings-CD?
Chrigel:
Huh, auch wieder eine Frage, auf die es wohl neun verschiedene Antworten gäbe,
hahaha. Aber im Durchschnitt würde die Antwort wohl „rEvolver“ von The
Haunted lauten. Einige von uns sind absolute The Haunted-Fetischisten!
Taste
Of Black: Nochmals
herzlichen Dank für das Interview und ich hoffe, man trifft sich eines Tages!
Chrigel:
Es ist an uns zu danken! Die Hörner seien auf Taste Of Black erhoben! J

Discography
Ven (2003)

Ven (Re-Release on Fear Dark Records) (2004)
