BLUTMOND im Gespräch

Sie haben das Album des Jahres erschaffen. Post Black Metal, Avantgarde, Progressive, Urban Madness: Alles trifft zu auf die wiedergeborenen Blutmond. Die beiden Köpfe John & Jerry standen Rede und Antwort.

Was war die Initialzündung für die musikalische und konzeptionelle Ausrichtung von „13 Urban Ways 4 Groovy Bohemian Days“? Und gibt es einen Rädelsführer in der Band, der mit der Grundidee aufgewartet hat?

John: Initialentzündung ist ein weiter Begriff. Fakt ist, wir haben uns nach „Endzeit“ schlicht und einfach nicht mehr gefordert gefühlt. Wir hatten weder Lust jeden Monat in irgendeiner Absteige ein Konzert zu geben, noch hatten wir die Muse auf ewig dieselben stupiden Songs zu spielen, bzw. welche zu komponieren. Wir haben nach etwas Ehrlichem gesucht, etwas mit dem sich jeder identifizieren kann. Einen Rädelsführer gibt es nicht. Wir funktionierten als Kollektiv, jeder ist in seiner Form unentbehrlich.

Jerry: Das Konzept kann man als solches eigentlich gar nicht bezeichnen, da es nichts weiter aus Anekdoten aus unserem ganz realen Leben besteht, means: wir wollten einfach nicht länger über Dinge reden, die mit unserer Musik und unserem Leben eigentlich überhaupt nichts mehr zu tun haben, bzw. zu tun hatten…

In welchem Zeitraum entstanden die Songs für „13 Urban Ways…“? Und sind auf dem Album musikalische Teile enthalten, die noch in der alten Bandbesetzung geschrieben wurden?

John: Die Songs entstanden bis auf ein paar wenige Ausnahmen ab Winter 2007. Jedenfalls in konkreter Form. „Blind Date Broadway“ wurde schon früher im alten Line Up gespielt, ja sogar live, jedoch unter anderem Namen und gänzlich anders vertont. „Friday“ ist im Grunde der erste Song, welcher offiziell im neuen Blutmond-Gewand geschrieben wurde. Jedoch auch noch während wir zu fünft waren. Doch der Anteil der ehemaligen Musiker war gelinde gesagt gering…

Die Vielfalt der unter dem Namen Blutmond vereinigten Stile ist enorm, die musikalische Palette sehr breit. Wie würdet Ihr euch jemandem beschreiben, der noch nie einen Ton von Euch gehört hat?

Jerry: Als open minded, intensiv… 

John: …musikalisch sowie textlich unbequem, enthusiastisch und ehrlich! Klar, damit kann sich keiner ein Bild von der Musik machen, aber hey, DAS wollen wir dem Hörer nicht vorschreiben. Besonders da wir nach wie vor Gegner von Schubladen sind. 

13 Urban Ways 4 Groovy Bohemian Days
Review

Produziert wurde das formidable Stück in der Klanschmiede Studio E unter der Regie von Markus Stock, erwiesenermassen Euer Wunschproduzent. Wie erwies sich die tägliche Arbeit im Studio mit ihm?

John: Anstrengend, lehrreich und interessant. Wir haben viel gelernt, sei es in Bezug auf Songwriting oder Probesessions. Der Tag war bis ins kleinste Detail verplant, so dass sich keiner irgendwo verlieren konnte, oder sogar Passagen vergessen gingen. Man merkt sehr schnell den Unterschied zwischen einem Hobby-Produzenten und einem Profi. Das sind Welten.

Welchen Einfluss hatte Stock auf die Songs hinsichtlich der Arrangements, wurde da noch viel getüftelt und verändert im Studio?

John: Markus wusste nach wenigen Tönen wie wir ticken und was wir wollen. Gerade soundtechnisch hatte er freie Hand. An gewissen Stellen hat er als „Berater“ fungiert und gelegentlich Korrekturen angebracht. Sei es an einer nicht funktionierenden Rythmusstelle, einer unschönen Harmonie, oder einer fehlenden Dynamik. Vor allem wollte er nie unsere Vorbereitungsarbeit, sprich unsere Vorproduktion hören. Nur so konnte er objektiv seine kreative Ader ausleben ohne von bereits bestehenden Verbrechen beeinflusst zu sein.

Jerry: Genau, gerade diese Eigenart(?) gefiel uns besonders an ihm. Da steckt enorm was an Herzblut drin, aber das war uns ja schon vorher klar.

„13 Urban Ways 4 Groovy Bohemian Days“ ist der Soundtrack für bzw. über eine Gesellschaft, die sich im Vakuum der puren, hohlen Oberflächlichkeit, der sinnlosen Abrackerung um des monetären Reichtum willens und der Leere des modernen Lebens befindet. Wohin wird dieser Weg münden, aus Eurer Sicht?

Jerry: Khähäähääää…

John: Ehrliche Antwort? Uns scheissegal. Wir wollen nicht mit dem anklagenden Hammer rumrennen, wir wollen Gegebenheiten zeigen. Das verteufeln überlassen wir anderen.

Gehe ich recht in der Annahme, dass das alltägliche Leben, das Euch umgibt, die Hauptinspiration für das Album ist?

John: Ja.

Wie verhält man sich als Individuum, dass die Mechanismen, die Zwänge, Einschränkungen und die greifbare Oberflächlichkeit des fragilen Gebildes Gesellschaft, der urbanen Gemeinschaft, begriffen hat? Aussenstehende Isolation oder unerkanntes Eintauchen?

John: Weder noch. Was mach nicht ändern kann muss man nicht bekämpfen. Es hat keinen Sinn sich jeden Morgen Gedanken über die ach so verkommene und böse Gesellschaft zu machen. Was bringt das? Kannst dir ja gleich die Kugel geben. Ne, wir beobachten…

Jerry: …und lassen uns einfach davon inspirieren – auf unsere Art eben. Es gibt so viele vermeintlich schlechte Dinge, das fängt bei der morgendlichen Pendlerzeitung an und hört mit dem Mitternachtsjournal auf…

Darf oder muss man vorliegendes Werk auch als Anti-Statement gegenüber den eng gestrickten Grenzen des klassischen Black Metals verstehen, dem ihr früher gefrönt habt?

John: Wenn Du möchtest hehe. Grundsätzlich ist es musikalische Selbstverwirklichung. Nicht ein gezielter Angriff gegen irgendeine Szene oder Bewegung. Dafür sind wir zu alt.

Die Trennung von Sänger Dorn und Gitarrist Ketzer verliefen ja nicht reibungslos. Wie ist das Verhältnis zu den beiden Ex-Mitgliedern heute?

John: Nicht reibungslos? Würde ich jetzt nicht sagen. Aber zur Frage: Wir pflegen keinen Kontakt mehr.

Blutmond (v.l.n.r.): John (Gesang, Gitarre), Dave (Schlagzeug), Jerry (Gesang, Bass)

Die musikalischen sowie auch inhaltlichen Unterschiede zu den älteren Blutmond-Werken sind frappant. Stand eine Namensänderung nie zur Diskussion?

John (lacht): Stell mal Ulver dieselbe Frage. Natürlich haben wir darüber diskutiert, jedoch wäre es unserer Meinung nach völlig sinnlos. Wir sind und bleiben dieselbe Band.

Hat sich Euer persönlicher musikalischer Horizont, ähnlich dem von Blutmond, über die Jahre geöffnet und erweitert?

Jerry: Auch, ja. Aber auch schon früher, resp. viele Jahre vor unserem Debüt fuhren wir als Konsumenten auf alles Mögliche ab, das kein bisschen mit extremen Metal zu tun hat. Leider konnte man das nicht von allen Mitmusikern behaupten…

John: Ja, definitiv. Wieso sollte man sich vor Neuem und Unbekanntem verschließen? Das ist doch hirnrissig. Vor allem als Musiker.

Gibt es irgendeine Grenze für Blutmond, die ihr nicht überschreiten möchtet? Oder widersetzt ihr euch bewusst sämtlichen Limitationen?

John: Ja. Wir werden uns niemals selber kopieren.

Jerry: Gut gesprochen John, hehe…

Für die Veröffentlichung konnte nach langer Suche das Label Code666 gefunden werden. Plant Ihr weiter Veröffentlichungen unter diesem Banner, oder beschränkt sich die Zusammenarbeit vorerst einmal auf „13 Urban Ways…“?

John: Bisweilen beschränkt sich der Vertrag auf ein Release. Alles andere wird die Zukunft zeigen.

Stellt doch bitte Eure Session-Mitglieder und ihre Funktionen vor, die Blutmond auf der Bühne bereichern! Werden die beiden zukünftig beim Songwriting mitarbeiten, oder bleibt dies dem Blutmond-Kern vorenthalten?

John: Marc übernimmt die Samples und Sax-Einlagen, während Marlon die Rythmusgitarre bedient. Beide sind langjährige Freunde von uns, daher lag die Wahl auf der Hand. Im Songwriting werden sie erst zu einem späteren Zeitpunkt integriert. Zurzeit ist das noch voll und ganz in den Händen der „Kernmitglieder“.

Könnt Ihr schon konkrete Pläne für die Zukunft betreffend Veröffentlichungen & Konzerten/ Touren verraten?

John: Es stehen div. Konzerte an, Verhandlungen bez. einer Tournee sind im vollen Gange. Am 03. September wird unser Album offiziell erscheinen. Was willst Du noch wissen? (lacht)

Jerry: Des Weiteren werden wir alles daran setzen, nicht wieder so lange in der Versenkung verschwinden zu müssen. Und ich denke man darf auch schon verraten, dass wir vor kurzem den ersten Spatenstich für unser drittes Werk getätigt haben!

Falls Ihr noch etwas Besonderes loswerden möchtet, habt Ihr hier nun Platz dafür.

Jerry: Make Love, Not Warcraft!

John: Danke für den Support, kauft unsere CD, tragt unser Merchandise, besucht unsere Konzerte, schenkt uns Geld und Aufmerksamkeit! Cheers…

Ich bedanke mich für das Gespräch!

John: Vou easy.

www.myspace.com/blutmondofficial