BLUTMOND "13 Urban Ways 4 Groovy Bohemian Days" (2010)

1. Mind Da Gap
2. You Vs. The Modern Lifestyle Obsession
3. Working Poor, Yuppie Yeah! (A/a 3000)
4. Rebellion
5. Friday - Trapped In Mental Disorder
6. Blind Date Broadway
7. CRY.sys
8. Good Morning World
9. Martini Midnight Madness
10. Metro Aesthetix
11. Suburbs - A Lamentation Or A Social Frustration?!
12. The Party Is Over...
13. Dance N' Society

(64:02:/ Code666)

Retrospektive - Endzeit

2006 machte eine relativ junge Truppe aus dem Raum Olten mit "Endzeit" auf sich aufmerksam, einem ruppigen Brocken garstigen Black Metals, der in sich kompetent und aussagekräftig verpackt war, allerdings nicht vor Originalität barst. Nichtsdestotrotz hat der Verfasser dieser Zeilen nach wie vor Freude am Debüt von Blutmond, die neben erwähntem Stück Schwarzmetall auch mit exzessiven und intensiven Konzerten zu überzeugen wussten. Extreme Musik, extremes Image und extremes Potential hielten sich die Waage. Nach einigen Line-Up-Wechseln hörte man allerdings nicht mehr viel von den dezimierten Recken, manchen wähnten Blutmond bereits im Nirwana, und auch meinereiner war skeptisch über die gross angekündigte Rückkehr, welche mit einer krassen Stilveränderung und einem kompletten Bruch der Vergangenheit einhergehen sollte, bis...

Gegenwart & Zukunft - Urbaner Mystizismus in progressiver Schrift & Ton

...ja, bis ich die ersten neuen Klänge des Blutmond'schen Schaffens vernahm und vor dem Boxen meiner Anlage beinahe ächzend vor Begeisterung zu Boden ging. Diese bildhafte Schilderung ist keineswegs übertrieben, denn schon nach den ersten Tönen des fantastisch betitelten "13 Urban Ways 4 Groovy Bohemian Days" knallt einem die Erkenntnis, dass hier gerade etwas unheimlich Spektakuläres, Grosses und Neues passiert, mit Vehemenz vor den Latz. In diesen 64 Minuten atmet und lebt der Geist von Vorreitern wie Secrets of the Moon, Lifelover, Shining, Abigor und einem Dutzend anderer. Das hier ist die vertonte Seelenlosigkeit des modernen Grossstadtlebens, der Spiegel, der vor das Gesicht einer schizophrenen, kranken Gesellschaft gehalten wird und das Abbild von unzähligen Einzelschicksalen, die sich im Gefängnis des Alltags mit ihrer Erkenntnis einen Weg zu bahnen versuchen. Die lyrische, konzeptionelle Seite ist allerdings nur eines von zwei Elementen, die Blutmond in dieser Form Einzigartigkeit verleihen. 

Das andere ist selbstredend die Musik, ein auf den ersten Blick kruder Mix, eine Verschmelzung von individuellen Stilen, die auf ebendiesen ersten Blick nicht wirklich zueinander passen. Black Metal, mal technisch, mal wieder simpler, Post Rock-artige Gebilde, zuweilen dezente Jazz-Strukturen, Bläser, Saxophon, dunkle Sample-Collagen, Doppelgesang, der die gesamte Bandbreite von manischen Flüstern bis explodierendem Gekreische abdeckt. Hier wird von furiosem, auf spezielle Art und Weise modernem Extrem-Metal wie dem fesselnden Eröffnungsdoppel "You Vs. The Modern Lifestyle Obsession" & "Working Poor, Yuppie Yeah! (A/a 3000)" über die tieftraurig-beklemmende Post-Rock-Eruption "CRY.sys" (jedes mal wieder eine emotionale Herausforderung), die im Wesentlichen aus zwei Riffs besteht, "Suburbs - A Lamentation Or A Social Frustration?!", das mit seiner unterschwelligen Melancholie am besten zum einsamen Gang durch die Stadt an einem regnerischen Nachmittag passt, und dem komplett elektronisch gehaltenen "The Party Is Over..." bis hin zu "Friday - Trapped In Mental Disorder", das zu Beginn die Atmosphäre einer mit Rauchschwaden durchzogenen Edel-Bar ausstrahlt und mit bittersüsser, zynischer Leichtigkeit endet, alles abgedeckt. Dabei verschmelzen die verschiedenen Einflüsse, Stimmungen und musikalischen Elemente mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit ineinander, trotz der Heterogenität der Songs macht vorliegendes Werk zu keiner Sekunde einen verzettelten Eindruck, im Gegenteil: Hier passt jeder Loop, jede feine Ride-Spielerei, jeder Gitarrenanschlag und jede gottverfluchte Textzeile stimmigst ins Gesamtbild. Einen Anteil daran hatte sicherlich auch Produzent Markus Stock, der seit jeher bekannt dafür ist, avantgardistisch veranlagten Bands das passende Klangbild zu verpassen.

"TV instead of relaxing, hollywood instead of entertaining, whiskey instead of big booze, warcraft instead of waste of time, youporn instead of side-leap, one-night-stand instead of social contacts and loneliness instead of proofed facts"

Blutmond sind so dermassen nahe an der Realität, ein dermassen prägnantes Bild der kaum mehr einordbaren Realität, dass es richtig weh tut. "Blind Date Broadway" (mit fantastischem Todtgelichter-Reminiszenz-Riff und hochmelodischem energischem Ende) KLINGT nach Einsamkeit und billigen Hinterzimmer-Sex, "Martini Midnight Madness" KLINGT wie eine vertonte alkoholgeschwängerte Nacht mit nebelverhangenen Erinnerungen. Blutmond legen den Finger nicht nur auf die Wunde, sie bohren auch noch mit Freude darin herum. Und das auf subtile, ergreifende Art und Weise. Abgeschlossen wird das Album übrigens bezeichnenderweise mit der Aufforderung "Wake up... wake up now!"
Die 13 Songs auf "13 Urban Ways..." sind innovativ, pulsierend, erfrischend, hochintelligent und brandgefährlich. Angesichts dessen erscheint die Benotung dieses Album als notwendige Makulatur. Meine Damen und Herren, dies ist eines der besten und vor allem wichtigsten extremen Alben der letzten zehn Jahre, welches das Licht der Schweiz erblickt hat.

Line-Up: John (Gesang, Gitarre), Jerry (Bass, Gesang), Dave (Schlagzeug)

10/10